Berlin ist die Hauptstadt der EinkaufszentrenDas neueste Projekt heißt Spree Shopping Berlin und steht neben der Großarena O2 World in Friedrichshain. Es hat 120 Geschäfte, einen Sport- und Wellnessbereich und eine Sonnenterrasse mit Blick auf die East Side Gallery. In einigen Jahren, so ist es geplant, sollen auf dem gut 20 Hektar großen Areal zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße Tausende Menschen arbeiten, wohnen und ausgehen. Und natürlich auch einkaufen.
Das Projekt des Münchner Investors CKV Immobilien GmbH ist Berlins neuestes Shopping-Center, gebaut werden soll es ab 2013. Es wird das 62. Einkaufszentrum der Stadt sein. Derzeit gibt es 59, zwei weitere – eines an der Schlossstraße in Steglitz und eines am S-Bahnhof Köpenick – sind aktuell im Bau und sollen noch dieses Jahr öffnen. Nirgendwo sonst in Deutschland existieren so viele Einkaufszentren wie in Berlin. Nicht in Hamburg (41 Center), nicht in Frankfurt/Main (7) und nicht in Köln (8) – obwohl überall dort die Kaufkraft ungleich höher ist als hier. Berlin ist die Hauptstadt der Shopping-Center, und ganz offensichtlich hält dieser Boom an.
Gropius Passagen verkauft„Die Center sind ein Erfolgsmodell, weil es für die Kunden dort warm, hell und sicher ist und weil alle Läden dieselben Öffnungszeiten haben“, sagt Nils Busch-Petersen, Chef des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg. Nach dem Mauerfall entstanden große Einkaufstempel zunächst im Umland, auf der grünen Wiese, seit einigen Jahren wird verstärkt in der Stadt gebaut. Einige Betreiber sparen sich auch den Neubau, sie kaufen bestehende Center einfach auf: So gehören die Hallen am Borsigturm in Tegel seit Anfang des Monats dem Branchenprimus ECE, der in Berlin bislang siebenmal vertreten war, etwa mit den drei Ring Centern und den Potsdamer Platz Arkaden. Und das Unternehmen Mfi, das in Berlin alle fünf Center betreibt, die den Namenszusatz Arcaden tragen – so wie in Spandau, Wilmersdorf oder an der Schönhauser Allee – hat gerade die Gropius Passagen in Neukölln gekauft.
„Auch bei harter Konkurrenz Berlin kann man erfolgreich sein“, sagt Andreas Keil von Mfi. Notwendig dafür sei ein individuelles Konzept für jedes Center: „In den Neukölln Arcaden haben wir ein Kino und eine Bibliothek und gewährleisten so neben den 60 Läden die Kiezversorgung.“ Ganz auf den Zuzug von Familien hat man das Sortiment in den Wilmersdorf Arcaden an der Wilmersdorfer Straße ausgerichtet – mit einem großen Angebot an Spielwaren und Kinderkleidung. Auch die Neuerwerbung Gropius Passagen, mit gut 80 000 Quadratmetern Berlins größtes Shopping-Center, will Mfi „optimieren“. Vor allem die Lage nahe dem künftigen Flughafen BER in Schönefeld sei dort der Vorzug: „Der Flughafen wird auf die ganze Region ausstrahlen, die noch wenig kaufkräftig ist“, sagt Manager Keil. Obwohl das Center auch jetzt schon gut laufe und allein durch pure Größe überzeuge. Keil: „Das Center hätte jeder gern."
Die Frage, ob Berlin nicht bald mit Centern überversorgt ist, wird unterschiedlich beantwortet. Nils Busch-Petersen vom Handelsverband hält Konkurrenz für positiv, aber nicht jedes Einkaufszentrum für überlebensfähig. „Wer nur die Tür aufschließt und auf Kundschaft wartet, hat keine Chance.“ Unterhaltung gehört mittlerweile zum Einkaufen wie die gefüllte Geldbörse. Deshalb treten in den Malls Künstler auf, werden exotische Tiere ausgestellt, präsentieren sich Sportler, gibt es Verlosungen und Tombolas. Busch-Petersen: „Die Kunden kommen nicht wegen der x-ten Deichmann-Filiale, sie wollen etwas erleben."
Warnung vor PleitenWo das Geschäft trotzdem schlecht laufe, gebe es dafür Gründe. Zum Beispiel im Hafen Tempelhof, wo Geschäftsleute vergebens auf Kundschaft warten. Dort, so Busch-Petersen, gebe es möglicherweise zu wenige Läden, um insgesamt attraktiv zu sein. Und das Schlossstraßen-Center am Walther-Schreiber-Platz in Schöneberg leide an der Konkurrenz nur wenige Meter entfernt, wo Shopping-Center wie das Forum Steglitz und Das Schloss locken.
Überhaupt ist die Situation entlang der gut zwei Kilometer langen Schlossstraße, wo es demnächst gleich vier große Einkaufszentren gibt, selbst für Berlin beispiellos. Anfang April öffnet dort das Center Boulevard Berlin mit 76 000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Gemessen an der Dichte der Shopping-Center wird damit die Schlossstraße die Nummer Eins unter den Einzelhandelsstandorten in der Stadt. Während mancher Skeptiker vor einer Überversorgung mit einhergehender Pleitewelle warnt, ist Jochen Brückmann von der Industrie- und Handelskammer IHK Berlin eher zuversichtlich: „Wenn so eine massive Verdichtung klappt, dann dort“, meint er. Denn der Boulevard Berlin biete etwas, was es sogar an der Schlossstraße kaum gibt: Viel Platz zum Sitzen und Ausruhen vom Shoppen. Brückmann: „Die überdachten Passagen des Boulevard Berlin ist die Chance für die gesamte Straße, die davon profitieren kann."
Allerdings ist das Thema Einkaufen in Berlin für viele Experten so langsam ausgereizt. „Jeder vierte Euro beim Shoppen wird jetzt schon von Touristen ausgegeben“, sagt der Verbandschef Busch-Petersen. Gäbe es die Berlin-Besucher nicht in dieser Masse, sähe es für einige Shopping-Center schon recht düster aus. Berlin werde sich bei rund 60 Centern „einpegeln“. Trotzdem wird zunächst erst mal weitergebaut. Am Leipziger Platz, fast in Sichtnähe zu den Potsdamer Platz Arkaden, plant ein Investor 200 Läden. IHK-Mann Brückmann: „Der Standort dort wird gestärkt, aber ob alle überleben, ist ungewiss."
Berliner Zeitung, [14.02.2012]